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Trotz Lichtblick – warum für Anleger eine starke Defensive wichtig bleibt

Andreas Kneidl

Leiter Asset Management

andreas.kneidl@ibb-ag.com
+49 7541 304-413

2026 / Ausgabe 4 (Juli)

  • Die Aussicht auf Frieden im Iran wirkt sich positiv auf Ölpreise, Inflation und Wirtschaftswachstum und damit letztlich auf die Aktienmärkte aus
  • Zudem unterstützen die derzeit starken Gewinne der Unternehmen sowie der anhaltende Boom im Bereich Künstliche Intelligenz die Aktienkurse
  • Dennoch gibt es Risikofaktoren, weshalb Anleger weiter gut diversifiziert bleiben sollten

Die Defensive zählt

Wer wissen möchte, welche Nation am 19. Juli Weltmeister wird, sollte sich einmal die Abwehrreihen der einzelnen Mannschaften genau anschauen. Denn wie heißt es so schön: „Der Angriff gewinnt das Spiel, die Abwehr die Meisterschaft.“ Eine Fußballweisheit die sich gut auf die Geldanlage übertragen lässt. Denn immer wieder setzen Anleger vor allem auf den Angriff, also auf genau das, was gerade gut läuft. Dies muss nicht falsch sein, vielmehr entspricht das der Momentum-Strategie, bei der man genau so vorgeht. Anleger nutzen dabei die häufig zu beobachtende Entwicklung, dass Aktien, die gut laufen, sich oft weiter besser entwickeln als der breite Markt.

Aber trotzdem sollte man immer einen Blick auf die Defensive haben – auch wenn sich das Umfeld aktuell bessert. Den stärksten Einfluss auf die Märkte haben derzeit die laufenden Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran. Ob daraus ein nachhaltiger Frieden wird, ist zwar fraglich. Immerhin hat US-Präsident Donald Trump Medienberichten zufolge 38mal verkündet, dass ein Deal mit dem Iran kurz bevorstehe. Dennoch sind die Märkte derzeit dabei, eine Einigung in dem Konflikt einzupreisen.

Entspannung bei Ölpreis und Inflation

Am deutlichsten zeigt sich das am Ölpreis. Ein Barrel der Sorte Brent notiert laut dem Datenanbieter Onvista Ende Juni bei 72,95 US-Dollar – und damit deutlich unter dem Höchststand vom Mai dieses Jahres als Öl bei fast 114 US-Dollar notierte. Das hat sich in sinkenden Inflationserwartungen niederschlagen, nachdem die Teuerungsrate im Zuge des Iran-Krieges und der Sperrung der Straße von Hormus zunächst deutlich angestiegen war. In der Eurozone lag die Inflationsrate im Mai bei 3,2 Prozent, in den USA bei 4,2 Prozent – und damit klar über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US-Notenbank Fed von zwei Prozent.

Ölpreis Brent – US-$ pro Barrel

Zeitraum24.06.2021 bis 24.06.2026

Das Chart zeigt die Entwiclung des Ölpreises in für die Sorte Brent in US$ / Barrel. Man sieht den extremen Anstieg im letzten Monat

Die Angaben dienen lediglich der Veranschaulichung von wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die aktuelle und zukünftige Wertentwicklung.

Die Folge: Während die Märkte zuvor noch sinkende Zinsen erwarteten, so gingen sie nach Beginn des Iran-Krieges von gleich bleibenden oder steigenden Zinsen aus. Die EZB hat den Leitzins im Juni um 25 Basispunkte auf 2,40 Prozent erhöht, der neue Fed-Chef Kevin Warsh hat – anders als von US-Präsident Donald Trump immer wieder gefordert – die Zinsen in der Spanne von 3,50 und 3,75 belassen und einen vorsichtigen bis restriktiven Ton angeschlagen. Angesichts der nach wie vor hohen Inflation ist zu erwarten, dass die Fed die Zinsen bis zum Jahresende einmal erhöhen wird. Und auch bei der EZB ist zumindest ein weiterer Zinsschritt nach oben zu erwarten.

Konjunkturelle Aussichten leicht eingetrübt, aber robust

Auch bezogen auf das Wirtschaftswachstum hat der Iran-Krieg Folgen. So geht der Internationale Währungsfonds für die Weltwirtschaft nach zunächst 3,3 Prozent nun nur noch von einem Plus von 3,1 Prozent aus. Für die USA hat er seine Prognose um 0,1 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent zurückgenommen, für die Eurozone von 1,3 auf 1,1 Prozent und für Deutschland von 1,1 auf 0,8 Prozent. Dennoch entwickelt sich die US-Wirtschaft robust, wobei weiterhin Arbeitsplätze geschaffen werden. Dazu könnte der niedrigere Ölpreis dafür sorgen, dass sich die Konsumentenstimmung wieder verbessert. Außerdem stützen die immensen Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI), die konjunkturelle Entwicklung.

Dass die Inflationserwartungen zurückgehen ist aber vor allem für Europa und Asien ein gutes Zeichen, da beide Regionen in stärkerem Maße von Öl- und Gaslieferungen abhängig sind. Dazu kommen in Deutschland sowie in Europa insgesamt fiskalpolitische Impulse und diverse Investitionsprogramme in Infrastruktur, die das Wachstum weiter beleben könnten. Und auch eine weitere Entwicklung gilt es im Blick zu behalten: Denn zuletzt mehrten sich die Anzeichen dafür, dass es zu einer Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Russland und der Ukraine kommen könnte. Sollten dort tatsächlich die Waffen schweigen, könnte dies ein Impuls für europäische und gerade auch für deutsche Aktien sein.

Starke Aktienmärkte

In diesem gesamten Umfeld hat sich der Aktienmarkt sehr gut entwickelt. Vor allem die US-Börsen haben zuletzt immer neue Rekordhochs erzielt, angetrieben vom Boom im KI- und Halbleiterbereich, aber auch von sehr starken Quartalsergebnissen. So übertrafen in den USA vier von fünf Unternehmen die Umsatzerwartungen, die Zahl der Firmen, die die Gewinnerwartungen übertrafen, lag sogar leicht darüber. Insgesamt lag der prozentuale Gewinnzuwachs der US-Unternehmen im ersten Quartal im Durchschnitt im mittleren Zehnerbereich. Und mit dem gelungenen Börsengang von SpaceX ist zudem ein Risikofaktor aus dem Markt. Die Neuemission war Medienberichten zufolge massiv überzeichnet. Das Emissionsvolumen lag bei 75 Milliarden Dollar – es war damit der größte Börsengang aller Zeiten.

Aktienmarktentwicklung Eurozone und USA im Vergleich

Zeitraum vom 24.06.2021 bis 24.06.2026

Das Chart zeigt die Entwiclung des Ölpreises in für die Sorte Brent in US$ / Barrel. Man sieht den extremen Anstieg im letzten Monat

Die Angaben dienen lediglich der Veranschaulichung von wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die aktuelle und zukünftige Wertentwicklung.

Weil die Gewinne zudem stärker zulegten als die Aktienkurse, ging auch die Bewertung leicht zurück. Dennoch scheint viel Optimismus am Markt derzeit eingepreist. Die Schätzungen der Analysten gehen im Schnitt von einem Gewinnwachstum von etwa einem Fünftel für den S&P 500 in den kommenden zwölf Monaten aus, beim EuroStoxx soll der Gewinnzuwachs im unteren Zehnerbereich liegen. Gleichzeitig ist die Marktkapitalisierung des S&P 500 im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt der USA auf einem extrem hohen Niveau. Das macht den Markt anfällig für eine Korrektur – zum Beispiel, wenn eines der führenden Unternehmen die sehr hohen Erwartungen der Anleger nicht erfüllt.

IBES Gewinnwachstum in den nächsten 12 Monaten

in Prozent, Zeitraum vom 24.06.2021 bis 24.06.2026

Das Chart zeigt die Entwiclung des Ölpreises in für die Sorte Brent in US$ / Barrel. Man sieht den extremen Anstieg im letzten Monat

Die Angaben dienen lediglich der Veranschaulichung von wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die aktuelle und zukünftige Wertentwicklung.

Risiken nicht vernachlässigen

Dazu kommen weitere Unwägbarkeiten. Eine Gefahrenquelle liegt im Private-Credit-Markt, der zuletzt etwas aus dem Fokus geraten ist. Bei diesen privat vergebenen Krediten insbesondere im KI-Bereich besteht das Risiko, dass es an irgendeiner Stelle zu einem Zahlungsausfall kommt. Zudem werden sichere Staatsanleihen aufgrund der gestiegenen Anleiherenditen attraktiver und zunehmend zur Konkurrenz für Aktien. Und schließlich dürfen Anleger die anhaltend hohen geopolitischen Risiken nicht außer Acht lassen. Genau deshalb ist es – um im Bild des Fußballs zu bleiben – so wichtig, die Verteidigung nicht zu vernachlässigen.

Das bedeutet auf der Aktienseite gut und breit zu diversifizieren, und zwar nach Regionen und Branchen und auch nach Unternehmensgröße. Denn Nebenwerte sind nach wie vor günstig bewertet. Zugleich gilt es, andere Anlageklassen zu nutzen, um breiter zu streuen. Dafür bieten sich festverzinsliche Wertpapiere an, die mit einem Renditerückgang über alle Laufzeiten hinweg auf die Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran reagiert haben. Dort gilt es allerdings genau hinzusehen. Denn nicht alles eignet sich. Unternehmensanleihen aus dem Investment-Grade-Bereich oder Hochzinstitel bieten nur noch sehr niedrige Renditeaufschläge gegenüber sicheren Staatsanleihen. Mit anderen Worten: Anleger werden für das Risiko, das sie damit eingehen, nicht mehr ausreichend belohnt.

Sichere Staatsanleihen als Alternative

Eine nach wie vor gute Alternative als Diversifikator sind europäische Staatsanleihen guter Bonität. Hier kann sich weiter eine sogenannte Barbell-Strategie anbieten, also die Kombination aus Investitionen am Geldmarkt und in länger laufenden sicheren Staatsanleihen. Der Gedanke dahinter: Papiere mit sehr kurzen Laufzeiten sind weniger zinssensitiv und bieten damit Schutz, wenn die EZB die Zinsen weiter erhöht. Titel mit langen Laufzeiten bieten dagegen höhere Renditechancen, wobei das Zinsniveau in diesem Bereich bereits relativ hoch ist.

Zudem eignet sich Gold als Diversifikator. Das Edelmetall hat seit seinem Höchststand im Februar dieses Jahres bei über 5.400 Dollar je Feinunze laut Onvista ein Viertel an Wert eingebüßt. Allerdings müssen Anleger bedenken, dass die derzeit höheren Zinsen die Opportunitätskosten für das Halten von Gold in die Höhe treiben. Es ist deshalb denkbar, dass es noch zu weiteren Preisrückgängen kommt, ehe sich das Edelmetall wieder erholt.

Goldpreis

Zeitraum vom 24.06.2021 bis 24.06.2026

Das Chart zeigt die Entwiclung des Ölpreises in für die Sorte Brent in US$ / Barrel. Man sieht den extremen Anstieg im letzten Monat

Die Angaben dienen lediglich der Veranschaulichung von wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die aktuelle und zukünftige Wertentwicklung.

Fazit

Kommt es bei den aktuellen Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran zu einem dauerhaften Frieden und der vollständigen Wiedereröffnung der Straße von Hormus, dann dürfte sich dies positiv auf die Inflation und das Wirtschaftswachstum auswirken. Für Aktien wäre dies zusammen mit der Unterstützung durch das anhaltend starke Gewinnwachstum ein positives Umfeld, da sich auch die Zinsen auf niedrigem Niveau einpendeln dürften. Dennoch sollten Anleger die Defensive nicht vernachlässigen und weiter auf eine breite Diversifikation achten.

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